Gemeinde St. Maria-Magdalena - Pfarramt - Advokatenweg 48 - 06114 Halle (Saale) Kontakt und Sprechzeiten Impressum Datenschutz

Der Brief

So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! (2. Korinther 5,20) Liebe Leser, der Beruf des Botschafters ist ein sehr ehrbarer und angesehener Beruf in unserer Gesellschaft. Einer der bekanntesten Botschafter in Deutschland zurzeit ist wohl der Botschafter der Ukraine, Andrij Melnyk. In den letzten Monaten seit Kriegsbeginn vertrat er sein Land und dessen Interessen nicht nur – wie gewohnt – in politischen Hintergrundgesprächen, sondern vielfach auch auf verschiedenen Fernseh- und Rundfunkkanälen in der breiten Öffentlichkeit. Nicht umsonst wählt der Apostel Paulus im 2. Brief an die Korinther den Ausdruck „Botschafter“, um seine Berufung als Apostel, aber auch die Berufung der Hirten der Gemeinden zu bezeichnen. Denn gerade bei zwei Aspekten gibt es starke Parallelen zwischen einem Botschafter und einem Bischof bzw. Pastor. Die erste Parallele ist die Art und Weise, wie man ins Amt kommt. Während andere politische Ämter meist durch demokratische Wahlen besetzt werden, ist das bei einem Botschafter anders. Ein Botschafter wird nicht gewählt. Ein Botschafter wird vom Staatsoberhaupt, dem Bundespräsidenten, der gleichzeitig der oberste Botschafter unseres Landes ist, berufen und ernannt. Gleiches gilt für den Pastor: Zum Pastor wird man nicht vom Kirchenvolk demokratisch gewählt. Zum Pastor wird man berufen vom Herrn der Kirche, Jesus Christus. So wie er einst seine Apostel Petrus, Johannes, Andreas, Paulus, etc. berief, beruft er heute Männer in seinen Dienst durch die Kirche. Das geschieht in der Ordination. Dort werden Pastoren für ihren Dienst geweiht (altlutherische Ordinationsformel), gesegnet und gesendet von Jesus Christus selbst durch diejenigen, die dem Ordinanden die Hände auflegen. Dabei besteht kein großer Unterschied zur Ordination von Timotheus durch Paulus (1. Tim 4,14). Der zweite Aspekt betrifft den Auftrag und die Vollmacht der beiden Berufe. Der Auftrag und die Vollmacht eines Botschafters ist, sein Land im Ausland zu repräsentieren. Ein Botschafter ist die Stimme seines Heimatlandes in dem Land, in dem er eingesetzt ist. Herr Melnyk steht stellvertretend für die Ukraine in Deutschland. Was Andrij Melnyk in der Ausübung seines Botschafteramtes sagt, sagt die Ukraine. Deswegen ist dieses Amt mit so viel Verantwortung verbunden. Parallel dazu gilt für den Pastor, er handelt in seiner Amtsausübung stellvertretend für Christus. In der Ordination spricht unser Herr Christus zu ihm, wie schon zu seinen Aposteln: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10,16) und „nehmt hin den heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten“ (Joh 20,22f.). Das heißt, wenn der Pastor sein Amt ausübt, gibt er Christus seinen Mund. Also wenn der Pastor predigt, spricht in Wirklichkeit Jesus Christus. Wenn er tauft, tauft in Wirklichkeit Jesus Christus. Wenn er das Abendmahl verwaltet, sagt in Wirklichkeit Jesus Christus: „Das ist mein Leib“, „Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut“. Und wenn er in der Beichte Sünden vergibt, dann tut dies in Wirklichkeit unser Herr Christus. Deswegen gilt das Gesagte, weil Christus es sagt, nicht weil der Pastor es sagt. So ist der Beruf des Botschafters an Christi statt sogar noch verantwortungsvoller als der des weltlichen Botschafters, weil der Pastor den Herrn und Schöpfer der ganzen Welt vertritt. Als Zeichen, dass es letztlich Christus ist, der im Gottesdienst spricht und handelt, tragen in vielen weltweiten Gemeinden der lutherischen, der anglikanischen, der römisch-katholischen und der Ostkirchen die Pastoren bzw. Priester, die den Gottesdienst leiten, das Messgewand, das auch Kasel genannt wird. Eine solche Kasel trägt der schwedische lutherische Pastor auf dem Titelbild dieses Gemeindebriefs. In Halle war es in den lutherischen Gemeinden bis 1802 üblich bei Abendmahlsgottesdiensten das Messgewand zu tragen. Durch das immer mehr verwässerte lutherische Bekenntnisbewusstsein und das mangelnde Verständnis für den Gottesdienst in dieser von Aufklärung und Pietismus geprägten Zeit wurde es abgeschafft. Erst nach dem 2. Weltkrieg begann man in deutschen lutherischen Kirchen, die ursprüngliche gottesdienstliche Kleidung wieder zu entdecken. Im kommenden Kirchenjahr, das mit dem 1. Advent beginnt, würde ich diese Praxis in der lutherischen Kirche in Halle gerne wieder aufblühen lassen und an den Hohen Festen (Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten) das Messgewand in der entsprechenden liturgischen Farbe (weiß bzw. rot) im Gottesdienst tragen. Deswegen möchte ich in den nächsten Wochen im Seniorenkreis, im gemeinsamen Hauskreis und bei anderen Gelegenheiten (wie z.B. nach dem Gottesdienst) über das Thema gottesdienstliche Kleidung ins Gespräch kommen. Ihr Pastor Felix Hammer
Bengt Nordenberg, „Abendmahl in einer schwedischen Landkirche“ (1856), Nationalgalerie Oslo (Quelle: Wikimedia )