
Unser Gemeindebrief
An dieser Stelle veröffentlichen wir regelmäßig die Andacht aus dem derzeit aktuellen Gemeindebrief. Der Gemeindebrief selbst erscheint etwa alle 3 Monate. Er enthält verschiedene personenbezogene Daten und kann daher nicht komplett zum Download eingestellt werden. Er wird nur als gedrucktes Exemplar an Gemeindeglieder verteilt sowie in der Magdalenenkapelle ausgelegt. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, den Gemeindebrief als pdf-Datei per E-Mail zu erhalten. Wenden Sie sich dazu bitte an das Pfarramt und legen Sie kurz Ihre Beweggründe für den gewünschten Bezug dar.
Der Brief
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“
(Amos 5,24 ǀ Luther 2017)
Liebe Leser,
wenn wir heute die Nachrichten einschalten, sehnen wir uns oft nach nichts mehr als nach ihnen: nach Recht und Gerechtigkeit. Wir fordern sie ein, wenn Unrecht geschieht, und wir vermissen sie, wenn die Schwachen übersehen werden.
Der Prophet Amos hielt den Menschen seiner Zeit – einer Epoche von wirtschaftlicher Blüte, aber auch von tiefer sozialer Spaltung – den Spiegel vor. Die Menschen feierten prächtige Gottesdienste, brachten Opfer und sangen Lieder. Doch Gott, so Amos, dreht sich angewidert um. Warum? Weil der Alltag nicht zum Sonntag passte. Gottes Antwort darauf ist kein sanftes Plätschern, sondern ein unaufhaltsamer Strom: „Es ströme aber das Recht wie Wasser…“
Um die Wucht dieses Satzes zu verstehen, lohnt sich ein Blick darauf, was die Bibel eigentlich meint, wenn sie von „Recht“ und „Gerechtigkeit“ spricht. Im hebräischen Urtext stehen hier zwei Schlüsselwörter, die unser westliches Verständnis gründlich auf den Kopf stellen:
1. Das Recht (Mischpat) – Der Schutz der Wehrlosen
Wenn wir an „Recht“ denken, denken wir an Gesetzbücher, Paragrafen und Gerichtssäle. Für die biblischen Propheten ist Mischpat jedoch etwas zutiefst Praktisches und Beziehungsorientiertes. Es meint die konkrete Tat, die dem Benachteiligten zu seinem Recht verhilft. Im alten Israel maß sich das Recht einer Gesellschaft daran, wie sie mit den schwächsten Gliedern umging – den Witwen, Waisen und Fremden. Recht geschieht nicht, wenn Urteile gesprochen werden, sondern wenn das Leben der Verwundbaren geschützt wird.
2. Die Gerechtigkeit (Zedaka) – Heile Beziehungen
Unsere Vorstellung von Gerechtigkeit ist oft die einer Waagschale (wie z.B. bei den Darstellungen der Göttin Justitia): Jedem das Seine, streng unparteiisch. Die biblische Zedaka dagegen ist „Beziehungsgerechtigkeit“. Sie fragt nicht kühl: „Wer ist im Recht?“, sondern: „Wie stellen wir Gemeinschaft wieder her?“ Sie stellt die rechte Beziehung wieder her und rettet denjenigen, für den es vermeintlich keine Hoffnung mehr gibt. Gerecht ist nach der Bibel, wenn jemand so lebt, dass das Leben der anderen aufblühen kann.
Ein nie versiegender Bach
Amos wählt das Bild des Wassers nicht ohne Grund. Im Nahen Osten gibt es sogenannte Wadis – Sturzbäche, die im Winter nach dem Regen wild toben, im heißen Sommer aber völlig austrocknen. Aber Gottes Gerechtigkeit soll kein kurzes, emotionales Aufwallen sein. Sie soll ein „nie versiegender Bach“ sein – ein Strom, der beständig fließt, den Staub der Ungerechtigkeit wegspült und Leben spendet, wo vorher Dürre war.
Glaube und Gottesdienst lassen sich im biblischen Sinne nicht von unserem Handeln trennen. Doch bevor wir selbst aktiv werden können, werden wir im Gottesdienst reich beschenkt. Durch Wort und Sakrament – im Hören auf das Evangelium, in der Taufe und im Abendmahl – wird uns Gottes Gerechtigkeit zuerst bedingungslos zugesprochen. Im Gottesdienst müssen wir uns diese Gerechtigkeit nicht verdienen; wir empfangen sie aus Gnade.
Die Lesungen, die Predigt, das heilige Abendmahl, die Lieder und die Gebete sind der Brunnen, aus dem wir schöpfen. Dort werden unsere leeren Speicher gefüllt. Aber dieses Geschenk drängt nach draußen: Das Recht und die Gerechtigkeit, die uns am Sonntag geschenkt wurden, sind das Wasser, das am Montag durch unsere Straßen, Büros und Familien in die Welt fließen soll. Wir geben nur weiter, was wir zuvor empfangen haben.
Ihr/Euer Pastor Felix Hammer